Das trügerische Versprechen der Reform
Die soziale Pflegeversicherung (SPV) steht vor einer historischen Zäsur. Mit dem geplanten Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) wird ab dem 1. Januar 2027 das bisherige Leistungssystem grundlegend umgebaut. Angesichts eines demografisch bedingten Anstiegs der Pflegebedürftigen (Prognosen gehen von über sieben Millionen Betroffenen bis 2050 aus) und eines drohenden Defizits von rund 7,6 Milliarden Euro im Jahr 2027 laut Juni-Entwurf, sieht sich der Gesetzgeber zu massiven strukturellen Eingriffen gezwungen (Entwurf zur Neuordnung der Pflegeversicherung, PKV Stellungnahme).
Auf den ersten Blick suggerieren die veröffentlichten Entwürfe des Gesundheitsministeriums eine erfreuliche Erhöhung der Gelder für pflegebedürftige Menschen. Doch als heimatverbundene Fachagentur wissen wir: Der Teufel steckt im Detail. Wer das Kleingedruckte liest, erkennt schnell, dass die Reform für viele Familien faktisch eine versteckte Leistungskürzung darstellt.
Leistungsanpassung: heutige Regel und damaliger Vorschlag
Nach geltendem § 30 SGB XI stiegen die Leistungsbeträge zum 1. Januar 2025 um 4,5 Prozent. Die nächste gesetzlich vorgesehene Anpassung liegt am 1. Januar 2028; für 2026 ist dort keine eigene Erhöhung vorgesehen.
Der Juni-Entwurf wollte eine jährliche Anpassung ab 1. Juli 2028 einführen. Der spätere September-Entwurf sieht stattdessen den 1. Januar 2029 als ersten jährlichen Anpassungstermin vor. Das sind unterschiedliche Entwurfsstände. Eine für 2026 gesetzlich zugesagte Erhöhung wurde damit nicht gestrichen. § 30 SGB XI; Juni-Entwurf, S. 35–36; September-Entwurf, S. 38.
Die Illusion der Erhöhung: 386 Euro vs. 347 Euro
Das bisherige Pflegegeld, das pflegebedürftigen Menschen zur freien Verfügung steht, soll 2027 durch ein neues sogenanntes "Entlastungsbudget" abgelöst werden. Die bisherige Vielzahl an Einzelansprüchen wird in diesem Budget gebündelt.
Nehmen wir das Beispiel Pflegegrad 2: Bisher erhalten Familien hier 347 Euro Pflegegeld pro Monat. Das neue Entlastungsbudget sieht für Pflegegrad 2 einen Betrag von 386 Euro vor (AssistenzPlus: Vier neue Budgets). Das sieht nach einem klaren Plus von 39 Euro aus. Was jedoch oft verschwiegen wird: Aus diesem neuen Budget müssen künftig Leistungen bezahlt werden, für die es heute noch eigenständige, zusätzliche Töpfe gibt.
Die heimliche Kürzung: Das Ende der Pflegehilfsmittelpauschale
Der gravierendste Einschnitt betrifft die zum Verbrauch bestimmten Pflegehilfsmittel wie Desinfektionsmittel, Einmalhandschuhe oder Betteinlagen (§ 40 Abs. 2 SGB XI). Aktuell haben Sie hierfür einen separaten Anspruch von 42 Euro monatlich (504 Euro jährlich).
Dieser Anspruch wird mit der Reform ab 2027 ersatzlos gestrichen (Pflege-Dschungel: Referentenentwurf 2027). Die Kosten für diese zwingend notwendigen Materialien müssen dann vollständig aus dem neuen Entlastungsbudget bestritten werden.
Wenn wir die nominale Erhöhung von 386 Euro nehmen und die wegfallenden 42 Euro für Hilfsmittel abziehen (386 € - 42 €), landen wir bei effektiv 344 Euro. Das sind 3 Euro weniger als 347 Euro Pflegegeld, sofern die Familie tatsächlich 42 Euro Verbrauchsmaterialien selbst bezahlt. Das vereinfachte Juni-Modell berücksichtigt weder andere Budgets noch Ersatzpflege; es belegt keinen pauschalen Verlust jeder Familie.

Die reale Rechnung
Sebastian Schugar
Die 3-Monats-Falle für Neuanträge
Eine weitere, scharfe Restriktion trifft jene Familien, die ab dem 1. Januar 2027 erstmals in den Pflegegrad 2 oder 3 eingestuft werden. Der Entwurf sieht vor, dass in den ersten drei Monaten der Pflegebedürftigkeit nur die Hälfte des Entlastungsbudgets ausgezahlt wird (FAQ zum Pflegeneuordnungsgesetz).
Bei Pflegegrad 2 bedeutet das: Statt 386 Euro erhalten Sie in der ohnehin stressigen Anfangsphase nur 193 Euro monatlich. Das Ministerium rechtfertigt dies mit einem Ausbau der verpflichtenden Pflegebegleitung. Für die Familien bedeutet dies jedoch den Entzug von dringend benötigter Liquidität in einer Phase, in der häufig kostenintensive Anpassungen (z.B. Wohnungsumbauten) anfallen.
Kritik der Sozialverbände: Ein Pflegekürzungsprogramm
Nahezu alle relevanten Gewerkschaften und Sozialverbände lehnen den Entwurf in wesentlichen Teilen ab. Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) hat das Gesetz unmissverständlich als "Pflegekürzungsprogramm" deklariert.
Besonders heftig ist auch die Kritik des Sozialverbands Deutschland (SoVD). Ob sich der Entlastungsbetrag für Pflegegrad 1 ändert, richtet sich nach dem belegten Gesetzgebungsstand. Ein Vorschlag ist noch kein geltendes Recht. Der Verband warnt zudem davor, dass die Reform das Risiko der "Pflegearmut" drastisch verschärft.
Fazit: Jetzt finanzielle Souveränität sichern
Das PNOG 2027 (Referentenentwurf) zwingt Familien dazu, deutlich spitzer zu rechnen. Der Juni-Entwurf ordnete die Budgets neu. Die Wirkung auf einen Haushalt hängt von den tatsächlich benötigten Leistungen ab. Die später geänderten Beträge und Vorschläge finden Sie im Reform-Update.
Wir bei Thalpos Pflegevermittlung lassen Sie in diesem Dschungel der Reformen nicht allein. Um die Pflegequalität im gewohnten Umfeld Ihrer Eltern langfristig zu sichern, ist eine frühzeitige, unabhängige Finanzplanung jetzt wichtiger denn je. Wir unterstützen Sie auch dabei, legale Betreuungsmodelle wie die 24-Stunden-Pflege im Entsendemodell zu nutzen, deren Kosten Sie über haushaltsnahe Dienstleistungen (§ 35a EStG) steuerlich geltend machen können. Prüfen Sie rechtzeitig, wie sich die neuen Gesetze auswirken und wie wir durch intelligente Konzepte Ihre Liquidität schützen können.





